Chronik der Ölkatastrophen: Ein trauriges Erbe der Industriegesellschaften
Seit der Mensch mit der Förderung von fossilem Öl im industriellen Maßstab begann, kam es immer wieder zu verheerenden Ölkatastrophen.
Legendär für die Verseuchung ganzer Landstriche sind dabei nicht allein die US-amerikanischen Ölfelder, die noch bis zum gefürchteten Ölfördermaximum Peak of Oil 1974 die Spitzenposition der Staaten als Rohölproduzent garantierten, oder die Regionen in der Sowjetunion um das aserbaidschanische Baku und die kasachische Hauptstadt Astana.
Als am 26. März 1967 der Supertanker Torrey Canyon in Brand geriet, sank und mit fast 120.000 Barrel Rohöl die bretonische Küste verseuchte, war das erste große Havarieunglück nur der Auftakt zu einem Jahrhundert mit einer Ölkatastrophe nach der anderen. Denn seit die USA ihren ständig wachsenden Löwenhunger nach Öl nicht mehr aus eigener Produktion decken können, nahm nicht nur das Aufkommen an Öltankern auf den Weltmeeren zu, auch die Kapazitäten wurden ständig erweitert. Die Folge war eine Reihe katastrophaler Havarien gigantischer Transportschiffe:
- 1976: Der spanische Öltanker Urquiola gerät in Brand, läuft auf und verseucht die spanische Küste mit rund 95.000 der 110.000 geladenen Barrel Rohöl
- 1978: Der Supertanker Amoco Cadiz unter libanesischer Flagge verseucht die französische Westküste mit über 220.000 Barrel Rohöl
- 1979: Die Kollision der griechischen Supertanker Aegean Captain und Atlantic Empress vor Trinidad-Tobago gilt als schwerstes Tankerunglück der Seefahrtgeschichte: Fast 300.000 Barrel Rohöl gelangen ins Meer
- 1980: Der Öltanker Tanio zerbricht bei starkem Seegang vor der französischen Ile de Batz und verliert über 13.000 Barrel des besonders umweltgiftigen schweren Heizöls
Die Havarie der Exxon Valdez und dem folgenden Auslaufen von über 40.000 Barrel Rohöl in einem äußerst empfindlichen Ökosystem an der Südküste von Alaska gilt als die schwerste Ölkatastrophe: Hunderttausende Vögel in den wichtigen Brutgebieten, ganze Fischbestände und zahlreiche Wale verendeten qualvoll im Öl. Noch heute sind weite Teile der Küste von dicken teerartigen Schlacken bedeckt, das Ökosystem wird sich vermutlich nie wieder vollständig erholen.
Umweltgift Erdöl
Bis heute sind durch die zahlreichen Havarien von Supertankern und Offshore-Plattformen seit den Siebziger Jahren über 15 Millionen Tonnen Öl in die Weltmeere gelangt. Schaut man auf die ökologischen Folgen und die Auswirkungen auf die teilweise äußerst sensiblen lokalen Ökosysteme, wird deutlich, welche weitreichenden Folgen diese unglaublich große Menge für das globale Ökosystem hat. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass ein Tropfen Rohöl ausreicht, um rund 8000 Liter Trinkwasser zu vergiften.
Ein anderes Beispiel ist die bis heute schwerste Havarie vor der deutschen Küste: Als am 25. Oktober 1998 der Holzfrachter Pallas strandet und in Brand gerät, gelangen etwa 100 Liter Schweröl in das Naturschutzgebiet Wattenmeer vor Amrum. Das Ökosystem war einige Jahre völlig erschüttert und hat sich bis heute nicht vollständig erholt, etwa 16.0000 Seevögel starben.
Angesichts der verheerenden Auswirkung von „nur“ 100 Litern Öl sind die ökologischen Auswirkungen von mehreren Millionen Tonnen schier unvorstellbar.
Wenn Bohrplattformen eine Ölkatastrophe verursachen
Bislang waren die wirklich katastrophalen Ausmaße einer Ölkatastrophe jeweils von Öltankern verursacht worden. Ein Grund dafür liegt natürlich in den enormen Transportkapazitäten: So haben die Supertanker der VLCC- und VPLUS-Klassen ein Fassungsvermögen von bis zu 4,5 Millionen Barrel Öl, wohingegen die Offshore-Förderstellen auf Plattformen in der Regel ein auf wenige zehntausend Tonnen begrenzten Lagerraum zur Verfügung haben.
Bei der bisher schwersten Ölkatastrophe auf einer Offshore-Förderplattform explodierte vor der australischen Küste die Bohrinsel Montara im August 2009, fast drei Monate lang flossen insgesamt rund 4500 Tonnen Rohöl ungehindert ins Meer und verursachten eine Ölpest in der Timorsee mit einem Ausmaß von fast 25.000 Quadratkilometern.
Montara – Vorbotin für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko
Die Katastrophe auf der Montara ist dabei aus heutiger Sicht ein exemplarisches Beispiel für die zahlreichen Probleme, die auch bei der heute weitreichendsten und verheerendsten Ölkatastrophe im Golf von Mexiko auftraten:
So konnte das Bohrloch der Montara erst drei Monate nach der Explosion auf der Plattform und vielen vergeblichen Versuchen mit einem improvisierten Propfen aus Schlamm und Salzwasser verstopft werden. Damals versuchten die australischen Behörden, den Ölteppich auf dem Meer mit Hilfe von Chemikalien aufzulösen, mit dem Ergebnis einer weiteren Umweltkatastrophe: Denn die riesigen Mengen der angewandten Detergenzien vergifteten das Meer zusätzlich, verätzten jene Meereslebewesen, die bislang von der Ölkatastrophe verschont worden waren und sorgten zudem dafür, dass die entstandenen Mikrotröpfchen aus Öl zusätzlich durch Wind und Wellen verteilt wurden. Darüber hinaus sank ein Großteil des nun aufgelösten Öls auf den Meeresboden und überlagerte auf mindestens 6000 Quadratkilometern die äußert sensiblen Korallenriffe der Timorsee und richtete auf diese Weise einen irreparablen Schaden bei Flora und Fauna an.
Die ökologischen Folgen einer Ölkatastrophe
Wissenschaftler der Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS) zählten bis heute über 4000 tote Einzeltiere unter anderem bei vier gefährdeten Walarten, zwei Schildkrötenarten, vier Seeschlangenarten und 23 verschiedenen Vogelarten. Zudem bedeckt der Ölteppich eine wichtige Wander- und Verbindungsroute zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean, wie Dr. Mike Bossley vom WDCS in Australien betont.
Die verheerendste Ölkatastrophe der Geschichte: Die Ölpest im Golf von Mexiko.
Am 20. April ereignete sich die bislang schlimmste Ölkatastrophe der nun hundertjährigen Geschichte von Unfällen in der Förderung, dem Transport und der Weiterverarbeitung von Erdöl: