Am 20. April 2010 geschah auf der Explorationsbohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko die bis heute schwerste Ölkatastrophe:

Obwohl die bewegliche Ölbohrplattform nicht für Wassertiefen über 1500 Meter konstruiert worden war, beginnt die Betreiberfirma Transocean im Auftrag des britischen Ölkonzerns BP die gefährliche Bohrung in fast 1800 Metern Tiefe an einem äußerst fragilen unterseeischen Ölfeld, das sich zwischen dem Kontinentalrift zweier architektonischer Platten gebildet hat. Die geologischen Voraussetzungen sind für die Entstehung von fossilem Öl optimal: So hat der hohe Wasserdruck und die relativ sauerstoffarme Umgebung über lange Zeit abgestorbene Meerestiere und –pflanzen verdichtet, wobei die Kontinentalkräfte die Ölbildung zusätzlich begünstigt haben soll.

Explosion auf hoher See

In einer stürmischen Nacht reißt sich die Bohrinsel von der unzureichenden Verankerung los, die Katastrophe nimmt ihren Lauf – es kommt zu einem sogenannten Blowout:

Wie sich später herausstellen sollte, waren die Sicherheitsventile nicht allein unzureichend für die im für Hurricanes berüchtigten Golf von Mexiko herrschenden Meeresströmungen und Windstärken, zudem waren sämtliche Sicherheitssysteme ausgeschaltet.

Am 20. April gibt die Bohrleitung nach, der Öldruck aus den Tiefen des Meere schießt ungehindert nach oben und es kommt zu einer gewaltigen Explosion, in deren Folge die Deepwater Horizon am 22. April sinkt. Nun fließen täglich etwa 72.000 Barrel Rohöl – 8000 Liter in der Minute – ins Meer und bilden einen Ölteppich, der sich rasch ausbreitet und bereits am 29. April die Küste des US-Bundesstaats Louisiana erreicht.

Für die verantwortlichen Manager bei Transocean und vor allem BP entwickelt sich die Katastrophe zum wahren PR-Desaster, denn nach und nach kommen haarsträubende Details zutage:

Skandale über Skandale: die unrühmlichen Fakten zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko

Nicht allein, dass hochrangige Manager von Transocean bereits ein Jahr zuvor ungehört ernsthafte Sicherheitsbedenken bei dem Projekt im Golf von Mexiko geäußert hatten und die Verantwortlichen bei BP schon Monate zuvor die Sicherheitssysteme auf der Bohrinsel außer Kraft gesetzt hatten. In Folge der Ermittlungen kamen zudem brisante Details über wilde Partys heraus, bei denen BP-Manager hochrangige Funktionäre aus dem US-Energieministerium Department of Energy (DOE) mit Kokain und käuflicher Liebe zur Genehmigung von Bohrungen im ökologisch sensiblen Gebiet vor den Salzsümpfen an der Küste Louisianas überredeten oder besser: bestachen. Die Arbeiter auf der Deepwater Horizon wurden, kaum dass man sie vor dem flammenden Inferno aus dem Meer gerettet hatte, von BP bzw. Transocean für mehrere Wochen regelrecht gefangen gehalten, um zu verhindern, dass Informationen von Insidern an die Presse gelangten.

Fotoverbot von höchsten Stellen

Die US-amerikanischen Behörden unterstützen die Verschleierungskampagne sogar, indem beispielsweise eine Nachrichtensperre über die Affäre verhängt und vor Ort am Golf ein Fotoverbot für Journalisten und für Anwohner gleichermaßen erklärt wurde. Dies wollte die kanadische Reporterin Naomi Klein, bekannt als investigative Journalistin und berühmt geworden durch ihre Bücher „No Logo“ und „the Shock Doctrine“, jedoch nicht akzeptieren und zog in geheimer Mission an den Golf. Die Ergebnisse von Kleins Recherche schickten eine Schockwelle durch die Medien, zeigten sie doch eine weitaus drastischere Situation an der Küste, als von staatlicher und medialer Seite bislang zugegeben. Im Juli 2010 wurde schließlich bekannt, dass BP die veröffentlichten Fotos zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sogar systematisch fälschen ließ, um die Ölpest beschönigt und weniger katastrophal darzustellen.

Und die Skandalmeldungen reißen nicht ab:

So wurden die Arbeiten zur Schließung des Bohrlochs wesentlich durch ausströmendes Methangas erschwert. Methan tritt üblicherweise als Nebenprodukt bei der Entstehung von Öl zusammen mit dem Rohöl in natürlichen Lagerstätten auf. Das leichtere Gas entweicht dabei schneller und in höherem Umfang, als das schwere Rohöl. Bei einer Bohrung besteht also ständig die Gefahr, dass leicht entzündliche Methangasblasen über die Bohrleitung aufsteigen und eine Explosion auf der Bohrplattform verursachen.

Die Karibik ist übrigens für aufsteigendes Methangas vom Meeresgrund regelrecht berühmt: So verursachen die teilweise enormen Mengen aufsteigender Gase in der Karibik immer wieder plötzliche Stürme, Explosionen an der Wasseroberfläche und andere Phänomene, die sogar als wissenschaftliche Erklärung für viele der legendären Phänomene im berüchtigten Bermuda-Dreieck in Frage kommen.

Dies hatte BP nicht nur lange Zeit verschwiegen, sondern auf Nachfrage von Experten sogar bestritten: Erstens gäbe es an der Stelle kein Methangas und zweitens war es auch nicht Schuld an den vergeblichen Versuchen, dass Bohrloch am Meeresgrund zu verschließen. Dies war einer der wenigen und wohl eher unfreiwillig komischen Momente der bislang schwersten Ölkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Ein anderer, vielleicht satirisch anmutender Vorschlag kam von russischer Seite: So empfahlen die Experten für solcherlei Experimente ihren amerikanischen Freunden, einen nuklearen Sprengkörper direkt neben dem Bohrloch zu zünden, in der Hoffnung, dass der dabei entstehende Druck das Leck verschließen sollte.

Angesichts von über 6 Millionen Tonnen Rohöl, die derzeit im Golf von Mexiko treiben und dem aufsteigenden Methangas kann man die waffennärrischen Amerikaner nur dazu beglückwünschen, dass sie diese Option schnell wieder von der Liste der Möglichkeiten strichen.

Ölkatastrophe Golf von Mexiko — ökologische Folgen und Auswirkungen

Denn am Golf von Mexiko kommt diesbezüglich ein weiterer wichtiger Faktor hinzu: So ist das Methangas durch den hohen Druck und die niedrigen Temperaturen an der Bohrungsstelle der Deepwater Horizon in Form des sogenannten Methaneis vorhanden, also hochverdichtetem kristallinen Methanhydrat. Wird das äußerst instabile Methanhydrat angezapft oder anderweitig zum Aufsteigen gebracht, nimmt es auf dem Weg zur Wasseroberfläche ein bis zu 160-faches Volumen an, es entsteht also ein hochexplosives Gaspotential. Dabei wird ein exponentieller Prozess in Gang gesetzt: Je mehr Methanhydrat nach oben steigt und zu Methangas verdampft, desto instabiler wird die umliegende Kristallstruktur, desto mehr Methanhydrat wird „mitgezogen“

Ausgerechnet an der Unglücksstelle bildet das Methanhydrat Meeresforschern und Geologen zufolge eine regelrecht geschlossene unterseeische Eisdecke, welche nun durch die heftigen Eruptionen der jüngsten Ölkatastrophe beschädigt wurde und nun unaufhaltsam und in ständig wachsendem Umfang in Form von Methangas aufsteigt.

Eine Verschließung des Bohrlochs nach dem russischen Modell hätte vermutlich verheerende Explosionen und einen Flächenbrand von der Unglücksstelle bis zur amerikanischen Küste zur Folge gehabt.

Salzsümpfe, Seevögel, Korallen und die Everglades

Nun bedroht die Ölkatastrophe vor der amerikanischen Ostküste am Golf von Mexiko gleich eine ganze Vielzahl empfindlicher Ökosysteme, und dies liegt nicht allein in der Ausbreitung begründet.

So befindet sich die Bohrstelle in unmittelbarer Nähe zu den Salzsümpfen am Mississippi-Delta, die als einzigartige Naturlandschaft einen unverzichtbaren Teil des globalen Ökosystems ausmacht. Weiter im Osten liegen die berühmten Everglades von Florida, ein hochsensibles Naturschutzgebiet, welches neben dem Yellowstone Park vermutlich zu dem berühmtesten Naturparks der USA zählt und auf eine gewisse Weise einen Teil der nationalen Identität der US-Amerikaner ausmacht.

In der Karibik sind neben den Delfinen und Walen, zahlreiche Fischarten und andere Meerestiere, besonders die Korallenriffe um die Karibischen Inseln gefährdet.

Durch die große Ausbreitung der Ölkatastrophe müssen nicht nur die bereits geretteten und gesäuberten Vögel umgesiedelt werden, auch die Vogelinseln vor der Küste der Golfregion müssen nun regelrecht evakuiert werden. Dabei stehen die Tierschützer und Wissenschaftler nicht nur vor dem Rätsel, wie sie diese unmögliche Aufgabe bewältigen sollen, sondern sehen sich zusätzlich mit den Problem konfrontiert, dass die freigelassenen Tiere ihren instinktiven Routen zurück in das Unglücksgebiet und damit in den sicheren Tod folgen würden.

Inzwischen melden Schiffe, welche die Wasserstraßen über den Atlantischen Ozean befahren, dass die ersten Ausläufer der Ölkatastrophe bereits an der afrikanischen und europäischen Westküste auftauchen. Damit ist die Ölkatastrophe der Deepwater Horizon die schwerste Havarie seit der ersten durch Menschenhand verursachten Ölpest 1910 – und zwar sowohl mit Blick auf die freigesetzte Menge an Rohöl, die flächenmäßige Ausbreitung und die Ausmaße der langfristigen irreparablen Umweltschäden in hochsensiblen Ökosystemen.

Fehler, falsche Entscheidungen und kriminelle Energie

Dabei hat das Desaster ungebremst seinen Lauf nehmen können, weil einige entscheidende Maßnahmen bewusst oder unbewusst vermieden oder verhindert wurden.

So war BP in erster Linie um eine möglichst saubere PR-Darstellung bemüht, statt um eine rasche Aufklärung der Umstände, transparente Kommunikation und seriöse Zusammenarbeit für eine schnelle Eindämmung der Katastrophe. Gefälschte Fotos, Nachrichtenverbot zum Thema und die Zahlung von Schweigegeld bedeuten dabei die beinahe „klassische Strategie“ von Großkonzernen.

Dass man im Vorfeld regelrecht kriminellerweise die vorgeschriebenen Sicherheitsstandards missachtet und Sicherungssysteme ausgeschaltet hatte, kommt allerdings verstärkend hinzu. Zudem signalisiert der Vorstand von BP mit der Art und Weise, wie der Ölkatastrophe begegnet wurde, dass man keine Bereitschaft zeigt, Verantwortung zu übernehmen, die sinnvolle und nachhaltige Sanierung der Küste zu organisieren, Kosten für die Säuberungsaktion zu tragen oder gar die Fischer der Region für die existenzgefährdenden Verseuchungen zu entschädigen. Statt dessen versuchen die Rechtsanwälte von BP, staatliche Hilfen hierfür zu erschleichen, die Fischer der Küste mit einer einmaligen Zahlung von schlappen 20.000 Dollar abzuspeisen – durchschnittlich etwa die Hälfte des Jahresumsatzes eines Fischers und die Kosten insgesamt möglichst umfassend als Betriebskosten steuerlich geltend machen.

Erst hilflos, dann tatenlos: BP und die Ölkatastrohe

Während BP also in bester Manier eines aktiennotierten Soziopathen das mediale Desaster souverän zu bekämpfen weiß, wirkten die ersten Maßnahmen zur Bekämpfung der Ölkatastrophe hingegen regelrecht hilflos:

So versuchten die sogenannten, vermutlich selbsternannten Experten von BP und Transocean zunächst, das Öl direkt auf der Wasseroberfläche abzufackeln. Das ist einerseits aus verständlichen Gründen schwierig, denn Rohöl brennt erst ab einer Temperatur von 280 Grad Celsius und die Nähe zum Wasser ist dabei nicht unbedingt förderlich. Andererseits löst ein Verbrennen auch nicht das Problem, sondern verlagert es nur in die Atmosphäre in Form von giftigen Abgasen, und wiederum ins Meer in Form von giftigen Verbindungen mit Wasser bzw. absinkenden Nebenprodukten wie teerige Öle, Asphaltklumpen und so weiter.

So versuchte man statt dessen, den Ölteppich mit im großen Stil ausgebrachten Mengen des Öllösemittels Corexit zu Mikrotröpfchen zu zerteilen, mit einem ähnlich erfolgreichen Ergebnis wie ein Jahr zuvor im Fall der Bohrinsel Montara: Nun schwimmt statt mehreren Milliarden Litern Rohöl eine Chemiebrühe aus mehreren Milliarden Litern Öl und einigen Tonnen Corexit im Golf von Mexiko. Die aufgelöste Ölmenge sinkt dabei entweder als giftiger Chemiecocktail auf den Meeresboden und überzieht die dortige Tier- und Pflanzenwelt großzügig auf einer Fläche von mehreren tausend Quadratkilometern oder in Form weitgestreuter Mikrotröpfchen auf der Wasseroberfläche.

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